Was geschieht mit meinem Geld bei den Versicherungsgesellschaften? Die Diskussion um stille Reserven
Ungerecht ist die deutsche Bilanzregelung für die Versicherten schon: Verliert der Versicherer mit den Kapitalanlagen des Versicherten Geld, kann dieser das als Abschreibung in der Bilanz abzeichnen. Kauft e4 also eine Akte zu 100 € und die räll5 auf 50 €, werden 100 € als Verlust anerkannt und die Überschussausschüttung für die Versicherten reduziert sich also um 50 €. Steigt die Aktie dagegen auf 200 €, sehen die Versicherten davon nichts: der Gewinn von 100 € erscheint in der Bilanz nicht, da dort die Papiere nur zum Anschaffungspreis oder nach dem Niederstwertprinzip zum tiefsten Kurs nach Anschaffung geführt werden. Die 100 € Kursgewinn tauchen also nicht auf, sie sind stille Reserven. Solange die Überschussbeteiligung der Lebensversicherer freiwillig bleibt, kommt die Versicherten garantiert zu kurz. Entlang der Bilanzierungsregeln können die Versicherer stille Reserven bilden, wie sie möchten. Besonders beliebt sind Immobilien: der Versicherer kauft als langfristige Anlage ein Pachtgrundstück in bester Zentrumslage und schreibt 20 bis 30 Jahre auf dem Erinnerungswert vom Einbau in der Bilanz ab. In Wirklichkeit ist es aber vielleicht mehrere 100 Millionen € Wert. Der Versicherte, der in dieser Zeit eine Police bei der Gesellschaft hätte, geht leer aus. Selbst wenn die stillen Reserven bei einem Verkauf realisiert werden, erlaubt das Bilanzrecht, sie auf neue Kapitalanlagen zu übertragen. Lebensversicherungen sind im Grunde nichts anderes als Kapitalanlagegesellschaften. Nach dem Gesetz über Kapitalanlagegesellschaften (KAGG) müssen diese aber Kundengelder nicht nur als Sondervermögen verwalten, sondern vor allem die erworbenen Wertpapiere nach ihrem Tageskurs und Grundstücke mit ihrem aktuellen Verkehrswert gegenüber den Anlegern abrechnen. Nur die Versicherungen brachen mit diesen Besonderheit und bilden bei Kursgewinnen stille Reserven. Im Ausland sind stille Reserven längst passee: Britische Lebensversicherer bilanzieren ihr Vermögen stets zum aktuellen Wert. Ein Grund für die höheren Renditen englischer Policen. Die britische Lebensversicherung arbeitet via Investmentfonds: der Hauptgewinn wird nichts aus Zinsen und Dividenden erwirtschaftet, sondern aus Kursgewinnen. In Frankreich sind so genannte Kapitalistpolicen auf dem Vormarsch. Sie trennen Todesfallschutz und Kapitalbildung. Die Sparanteile werden treuhänderisch verwaltet. Diese Trennung sollte auch der deutsche Versicherte endlich bekommen. Leider hat der Bund der Versicherten ein Prozess in Sachen stille Reserven vor dem Bundesgerichtshof Ende 1994 verloren. Die Richter urteilten, es sei Sache der Versicherung,wie sie ihren Überschuss ermittelt. Sie müsse sich lediglich im gesetzlichen Rahmen bewegen. Vorgeschrieben ist aber nur, dass 90% der in der Bilanz ausgewiesenen Überschüsse den Versicherten gutgeschrieben werden müssen. Doch immerhin: der gesetzliche Rahmen hat sich mit dem neuen Versicherungsaufsicht gesetzt (VAG) geändert. Nun sind die Versicherer beim Vertragsabschluss verpflichtet, über die Methoden der Gewinnbeteiligung und die Ermittlung Auskunft zu geben. Verbraucher können damit künftig ihre Überschussbeteiligung vor Gericht prüfen lassen. Weiterer Trost für die Versicherten ist für 1999 angekündigt. Dann will Bonn die EU - Richtlinie umsetzen, dass neben dem Buchwert auch der aktuelle Wert (Zeitwert) den Kapitalanlagen genannt wird. Allerdings soll dies nur in einer Summe geschehen. Die Allianz AG bringt es im gesamten Konzern auf 90 Milliarden € stille Reserven. Allein ihre Tochterallianzlebensversicherung, der größte deutsche Lebensversicherer, brachte es im Schnitt der letzten 15 Jahre auf stille Reserven von 11,1% der Kapitalanlagen. Dadurch konnte die Gewinnbeteiligung der Kunden trotz dringender Kapitalmarktzinsen und schwankende Aktienkurse auf relativ hohem Niveau gehalten werden. Im Umkehrschluss gilt: Versicherer mit wenig oder keinen stillen Reserven (Branchenjargon: stille Verluste) werden Gewinn versprechen für Ihre Kunden auf Dauer kaum erfüllen kann.
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